Die Taschenlampen App

Im Grunde genommen ist es Jahr für Jahr dasselbe Gefühl. Wenn es heißt: Eintracht Frankfurt – Hamburger SV. Für mich als gebürtigen Hessen, der in der kleinen schönen hessischen Kleinstadt Limburg an der Lahn geboren wurde und dort die ersten Jahre seines Lebens lebte, bedeutet das Spiel gegen die Eintracht immer einen kleinen Zwiespalt. Man könnte es auch mit dem Gang nach Canossa vergleichen. In meiner Jugend war ich fast jedes Wochenende in der Bankenmetropole unterwegs und lernte die Stadt Frankfurt aus vielen Blickwinkeln, sowie in verschiedenen Gemütszuständen kennen. Wer die Commerzbank schon einmal hat Tanzen sehen, früh am Morgen- der weiß Bescheid.

Vergangenen Samstag war es dann wieder so weit. Aus der Landeshauptstadt von Hessen reiste ich ins 35 Kilometer entfernte Städtchen am Main. Da ich an diesem Tag die Hinreise alleine hinter mich bringen musste, verzichtete ich auf jegliche Fanutensilien. Ich weiß nicht wie es anderen Fans aus unterschiedlichen Fanlagern ergeht die alleine nach Frankfurt Reisen? Ein ungutes Gefühl ist ein ständiger Begleiter. So wartete ich am Bahnsteig Wiesbaden-Ost auf die S-Bahn und flößte mir den ersten Schoppen des Tages ein. Beim Betreten der Bahn, vielen mir sofort die zahlreichen HSV Fans auf und in mir sprudelten die ersten peinlichen Gedanken. Ich ging tief in mich hinein. „ Bist du ein Mädchen, Christian. Ziehst keinen Fanschal an, vor Angst in die Fänge wilder Frankfurter Totschläger zu geraten, die dich in eine Ecke der Bahn werfen, deine Schuhe klauen, deinen Fanschal beschmutzen und dich mit dem Kopf aus dem fahrenden Zug hängen, nachdem man die Scheibe mit deinem Kopf eingeschlagen hat“.  Ja, dass Leben als frisch gebackener Papa hat so seine Tücken. Den kleinen Fratz nun immer im Hinterkopf, galoppiert man vorsichtiger durchs Leben.

Frankfurt wurde ohne Blessuren erreicht und so marschierte ich in den Gästeblock um mich mit meinen Mitstreitern Heiko und Peter wie verabredet im Block zu treffen. Da meine beiden Leidensgenossen an diesem Tag mit der ganzen Familie anreisten und sich dadurch etwas verspäteten, suchte ich mein Glück im Alkohol. Als der Alkohol seine volle Wirkung entfaltete, der Angstschweiß wieder trocknete, sah ich zu meiner Überraschung Kevin aus Hamburg. Kevin, ich kann mich zwar nicht mehr an alles erinnern über was wir redeten, aber es war lustig.

Je näher der Anpfiff kam, umso erstaunter war ich, dass noch keine Stimmungsmacher den Weg in den Block fanden. Der einzige der verlassen auf dem Zaun hing war unser Vorsänger. Als Kevin sagte: „der guckt schon als nervös auf sein Handy“. Da konnte ich erahnen das irgendetwas nicht stimmte. Keine Fahnen, keine Trommeln und keine Stimmung.  Als der Anpfiff ertönte und die Gesänge, die die Kurve beschallen sollten ausblieben, überlegte ich, ob es am überhöhten Alkoholkonsum lag, oder sich die aus dem nichts gebildeten Gesänge verschwommen anhörten. Ohne Bildung einer musikalischen Einheit, querbeet, von oben nach unten. Es war ein Grauen. Wo wart ihr denn? So wie ich hörte hat man viele von euch nicht in das Stadion gelassen. Andere waren womöglich an der Schlägerei an der Autobahn A5 beteiligt.  An diesem Abend wurde mir wieder einmal deutlich wie abhängig wir von einem Mann auf dem Zaun und seinen Gehilfen sind. Stimmungstechnisch war es an diesem Abend in Frankfurt fürchterlich. Nürnberg wird hoffentlich wieder besser.

Eigentlich konnte es nun nur besser werden. Unser neuer Holland Coach, der Bert- Gott habe ihn gnädig und ermögliche ihm eine längere Trainerzeit, entfachte in vielen Spielern ein neues Gefühl. Laut den Aussagen der Spieler war es die richtige Entscheidung. Unsere Kicker strahlten wie mein kleiner Sohn wenn er gebadet wird oder wie unser Nachbarkind beim spielen von GTA. Neuer Trainer, neues Glück, doch das alte Spiel. Gähn. Das, was an diesem Tag gepasst hat war eure Moral und eure kämpferische Einstellung.  Das Spielerische wird euch euer neuer Lehrmeister wohl hoffentlich zügig beibringen. Ein Punkt in Frankfurt, Olé. Der jüngste auf dem Feld: Jonathan Tah, mein Hoffnungsschimmer in unserem Abwehrchaos. Klasse Leistung Junge. Wenn jetzt noch Heiko Westermann seine Schuhe an den Nagel hängen würde, dann glaube ich auch wieder an ein zu Null Spiel in der Bundesliga.

In der Halbzeit kam dann das Highlight des Tages. Nachdem ich endlich meine HSV-Genossen, Heiko und Peter mit ihren Familien begrüßen konnte, führte mich im Anschluß der direkte Weg auf die Toilette. Da stand ich nun, erledigte meine Notdurft und blickte im Gefühl der Erleichterung nach links. Ich konnte es kaum glauben wer neben mir stand. Mein ehemaliger Chef: Dominik. Im Freudentaumel über das Wiedersehen, umarmte ich ihn inmitten aller anderen, die Hände unrein und die Hose noch halb offen. Alkohol oh Alkohol.

Weiter ging es mit der zweiten Hälfte, die ich fortan aus gefühlten vier Augen sah und mich über 6 Schiedsrichter und 44 Feldspielern wunderte. Sachen gibt es. Ein hoch auf den Hopfen.

Als Jansen kurz vor Ende der Partie das moralische 2:2 erzielte war ich ein klein wenig Zufrieden. Im Pokal sind wir eine Runde weiter. In der Liga haben wir nun 5 Punkte. Es geht bergauf.

Auf dem Weg in Richtung Auto, durch den düsteren Riederwald zückte ich gekonnt mein Smartphone und  aktivierte die Taschenlampen App. Ich blickte in zwei strahlende Gesichter. Peters Jungs guckten mich an und sagten beide im Chor, voller erstaunen: „Cool, du hast eine Taschenlampen App“.

Ja, meine kleinen. Was wir Erwachsenen so alles mit uns führen. Erstaunlich, oder?  Jetzt freue ich mich auf Nürnberg. 

Auf drei Punkte. NUR DER HSV

Christian E.

2 Gedanken zu “Die Taschenlampen App

  1. Bilbabo

    „Den kleinen Fratz nun immer im Hinterkopf, galoppiert man vorsichtiger durchs Leben.“

    Wie recht du hast :))
    Mir geht es genau so, bei allem was man tut, was auch nur im entferntesten mit Gefahr zu tun hat, ist man einfach vorsichtiger.

    Ansonsten toller Beitrag 😉

    1. linushsv

      Danke für deinen Kommentar mein lieber. Ja, seitdem der Wurm da ist bin ich vorsichtiger geworden 😉

      Wir sehen uns dann morgen. Gude 😉

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