Stell dir vor, die Bundesliga beginnt. Und du wirst Vater

…die letzten Wochen der Ruhe und Entspannung. Die letzten Tage im alten Leben. Die Tage vergehen, die Bäume blühen, die Vögel singen dich am Morgen aus dem Bett. Die Ruhe vor dem Sturm. Es wird Ernst.

Die Bundesliga geht in wenigen Tagen in ihre 51. Spielzeit. Ich gehe in meine erste, in eine bisher unentdeckte Spielzeit meines Lebens. Ich werde Papa. Während die erste Eintrittskarte vor wenigen Wochen in meinen Briefkasten flatterte, schläft in wenigen Wochen mein Sohn in seinem Bett neben meinem. Trotz der Freude auf das Papa-Dasein, das Verlangen nach dem rollenden runden Leder steigt ebenso. Die Vorfreude auf den Anpfiff, die Vorfreude auf die Fußball-Freunde, auf das Grinsen wenn man den Block betritt.

Ich gehe als Fan in meine 27. Saison, als Vater in meine erste. Die Fragen der letzten Wochen, die mir Freunde, Arbeitskollegen und Bekannte stellten, drehten sich allerdings nicht mehr nur um Fußball. Viele stellten Fragen, die mir neu und unbekannt sind. Ich antworte unerfahren und ruhig. Doch eine Frage blieb hängen und ist der Grund, weshalb ich diesen Artikel schreibe.

Die Fragenden: Hey Christian. Wie ist das denn, wenn der Nachwuchs da ist. Mit Stadion fahren ist es dann vorbei, oder?
Ich: Hä?
Die Fragenden: „Du fährst doch so oft auswärts, das war es dann, oder nicht?
Ich: Hm?

Eine von vielen Fragen, doch die prägendeste, was Fußball betrifft. Ich frag mich so kurz vor dem Anpfiff? Ertönt für mich schon der Abpfiff? Ist es vorbei, bevor es erst so richtig losgeht? Stehe ich bald nicht mehr auswärts im Block? Habe ich keine Bier-verschmierten Haare mehr, keinen Torjubel und „Schiri du Arschloch“-Rufe? Erspare ich es mir, im Stau zu stehen, auf spiegelglatten Fahrbahnen zu schleichen, nur für 90. Minuten? Verantwortung? Fehlanzeige!!

Die Politik debattiert über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch ich frage mich? Wer debattiert über die Vereinbarkeit von Fußball und Familie?

Was erbe ich? Babylachen, kleine blaue Babyaugen, ein Lächeln am Morgen und ein Pups am Abend? Popo putzen oder schmusen mit dem kleinen Zwerg? Bewundere ich dafür seine ersten Schritte, seine ersten Wörter? Liege ich demnächst 90 Minuten mit meinem Sohn auf dem Bauch und schaue die Spiele von Zuhause aus an? Was erwartet mich? Wie für Frau Merkel das Internet Neuland ist, so ist meine erste Baby-Spielzeit ebenfalls Neuland. Obwohl, Babys gibt es doch schon länger als das Internet. Verwirrende Zeiten.

Was nun? Ändert sich jetzt alles, werde ich von der Politik im Stich gelassen? Die Bundesliga steht vor dem Anpfiff. Und ihr, liebe Politiker? Ihr mischt euch nicht ein? Ihr meldet euch doch sonst so gerne zu Wort. Es ist Wahlkampf, Angela. Sollen wir etwa für uns selbst bestimmen? Traut ihr uns das zu?

Als der Spielplan der Bundesliga am 21. Juni auf die Welt kam, geboren aus einem PC, so war Frau Merkel beeindruckt. Ich überflog den Spielplan. Meine erste Frage: In welcher Woche ist meine Freundin schwanger und wann war der errechnete Termin? Ich zog die Wurzel aus allem was ich konnte, dem Zahlenwirrwarr hingegeben. Und ich war besänftigt. Zwischen dem 4. und dem 5. Spieltag wird es voraussichtlich soweit sein. Ein neuer HSV-Fan wird geboren.

Doch die Frage verfolgt mich. „Mit Stadion fahren ist es dann vorbei“? Verzichte ich auf Auswärtsspiele, wie viele Frauen auf ihren Beruf für Monate? Die Ernte: entgeisterte Blicke, besserwissende Parolen.

Ich bleibe trotzig:  Natürlich fahre ich noch auf Auswärtsspiele?
Viele antworten: Das werden wir ja sehen.

Ich will die Welt verstehen. So begab ich mich auf Spurensuche und fand eine Rechenaufgabe, auf vergilbtem Papier und leicht zerknittert, datiert auf das Jahr 1993.

Angenommen Fritz ist Fan vom Hamburger SV. Er ist Auswärtsfahrer und besucht so viele Auswärtsspiele wie möglich. Bei zwei Auswärtsspielen im Monat und 30 Tagen, ist er im Schnitt an einem Spieltag 10 Stunden unterwegs. Fritz bekommt ein Baby. Eure Rechenaufgabe: Wie viele MÖGLICHE Stunden bleiben Fritz im Monat, um Zeit mit seinem Baby zu verbringen? Bitte drückt beim Nachdenken unten in dem Video auf Play. Ihr habt 37 Sekunden.

Wie so viele Tageszeitungen vor großen Ereignissen gerne berichten, in Spielen, wo Helden geboren werden, vor Spielen der Unendlichkeit. So versuche ich  mich im direkten und gewagten Vergleich und veröffentliche dieses bislang streng unter Verschluss gehaltene Interview, das genau zu meinem aktuellen Thema passt. Offene Manndeckung und Abseits, das war einmal.

Fußball gegen Baby

Uwe Windel: Hallo Herr Fußball und Herr Baby. Herzlich willkommen zum offenen Interview. Schön, dass ihr beide Zeit gefunden habt. Es ist ja noch ein wenig Zeit, bis es losgeht.

Herr Fußball: Ok, Herr Windel. Schießen Sie mal los. Ich muss noch in die Vorbereitung
Herr Baby: Ja genau. Vorwärts, ich muss schließlich noch wachsen. Uwe Windel, ein lustiger Name.

Uwe Windel: Verzeihung, das soll ein seriöses Interview werden. Bitte gehen Sie das beide auch so an. Nun ihr beiden. Ich habe mich kürzlich mit ChristianE unterhalten. Er bekommt in letzter Zeit sehr oft die Frage gestellt, ob er auf die Auswärtsspiele verzichtet, wenn Sie, Herr Baby auf der Welt sind. Was würden Sie sagen, damit er weiterhin zu den Spielen fährt, Herr Fußball?

Fußball: Ich weiß nicht, auf welchen paranoiden Kreuzügen Sie wieder unterwegs sind, aber zu allererst: Waren Sie schon einmal im Stadion, mit den richtigen Leuten, Herr Windel?

Uwe Windel: In einem Stadion? Igitt. Als ob ich daran interessiert wäre, zum Teil noch pubertierenden Jungs zuschauen zu wollen, die einem Ball hinterher laufen. Das Beste. Um dann zu sehen, wie toll sie doch sind. Um Bilder dann bei Facebook, mit Baseballcapy und Peace Zeichen hochzuladen aus Ibiza? Pff.

Herr Fußball: So wie sie reden, kann ich mir gut vorstellen, dass Ihnen das gefällt. Egal. Da Sie noch nie in einem Stadion waren. Christian weiß, was er an mir hat. Ich weiß, wie er es mag in der Kurve, im Block zu stehen. Mit seinen Freunden, die er im Laufe der Jahre im Stadion kennenlernen durfte. Es mag es, ein Bier zu trinken; er liebt es, seinen Verein zu supporten über 90 Minuten. Er braucht dieses Umfeld, das Laute, das Unwirkliche, den Torjubel, die Gesänge und die Rivalität. Die Vorfreude auf das Spiel, auf die Fahrt zum Gegner. Die, die es jetzt spüren, die verstehen ihn. Fußball, bleibt Fußball. Was ist Uwe eigentlich für ein Name. Klingt wie Helmut.

Uwe Windel: Werden Sie jetzt bitte nich frech. Ich bin als neutraler Journalist anwesend.

Baby: Ähm, hallo. Wie war das mit einem seriösen Interview, Herr Windel?
Fußball: Ruhe Baby. Der Junge stinkt.

Baby: Ähm, das bin ich.
Fußball: Du? Oh gott.

Uwe Windel: So, genug der Scherze und Reibereien. Was würden Sie Herr Baby, Christian denn sagen, damit er das mit den Auswärtsspielen bleiben lässt?

Baby: Wenn ich jetzt schon sprechen könnte, dann würde ich ihm sagen. Irgendwann, dann darfst du wieder. Nimm mich dann einfach mit.

Uwe Windel: Bitte etwas genauer.

Herr Baby: Ach man. Haben Sie keine Kinder?
Uwe Windel: Ähm, nein. Leider nicht.

Herr Baby: Dann kennen sie nicht das Gefühl, seinem kleinen Baby beim Schlafen zuzusehen, wie es klein und zerbrechlich neben ihm liegt. Wie es ist, wenn er in die Babyaugen schaut und in den Pupillen lesen kann. Ich brauche dich. Fahr nicht. Wenn ich in seinen Armen liege, meinen Kopf auf seinem Bauch liegen habe, ich nieße. Haben Sie diesen Anblick schon einmal erlebt? Er darf meine Windeln wechseln, nachts um drei. Er darf mich durch die Wohnung tragen, wenn ich vor Langeweile nicht schlafen möchte. Irgendwann schläft er ein und vergisst den Fußball, er wird das Spiel vergessen.

Herr Fußball: Gähn, bist du langweilig. Das wird den nicht abhalten. Windeln wechseln, pah. Die Kurve ruft.

Baby: Ich rufe auch bald.

Uwe Windel: Ich merke, zwei interessante Perspektiven. Ich würde, da beide Seiten Neuland für mich sind,  die mit dem Baby vorziehen. Ich wollte schon immer Kinder (Uwe Windel sitzt verträumt auf einem Sofa)

Herr Fußball: Na toll. Jetzt fängt der Uwe auch von Kindern an? Schon einmal eine Windel gewechselt, Herr Windel?

Herr Baby: Ey, lass Herr Windel in Ruhe. Sonst pups ich.

Uwe Windel: Das wird mir hier zu albern. Ich habe mir eure Vorzüge, sowie die nicht so erfreulichen Dinge notiert und werde diese an Christian weiterreichen. Zum Abschluss. Zu Ihnen, Herr Fußball. Ich habe schon eine Windel gewechselt. Und wie haben Sie das ohne Arme gemacht? Hinüber gerollt, mit Saugstreifen auf dem Leder… Guten Tag.

Fußball: Was ein Typ, alta alta.
Baby: Ich fand ihn nett.
Fußball: DU….
Baby: Riech mal….

Trotz der vielen hilfreichen und lustigen Kommentare der beiden da oben – danke. Wer weiß schon, was kommt und wie es werden wird. Ich weiß, dass beides geht und ich mich freue. Der wilde Osten wartet. Jena ruft. Dann ist Babypause. Doch das mit dem planen, dass lass ich dann. Ich habe ja eine Auswärtsdauerkarte. In diesem Sinne.

Tuerkei2013 (957)

Tollpatschige Grüße, mit schwarzweißblauen Händen.

Christian E.

3 Gedanken zu “Stell dir vor, die Bundesliga beginnt. Und du wirst Vater

  1. Rüdiger Tücksen

    Es werden viele, sehr viele Entscheidungen auf dich zukommen. Und, ich gebe dir Brief und Siegel dass du dich immer für die Familie entscheiden wirst. Fußball, speziell unser HSV, wird immer im oberen Ranking sein, doch das Live-Erlebnis wird in die hinteren Reihen rücken. Bis zu dem Zeitpunkt wenn der Sprößling, „ja“ sagen kann, auf die Frage: Wollen Paps und du zum HSV ? (Niemals nur Fußball sagen). Spätestens nach diesem Besuch ist die neue Generation bereit mit dem Paps zu lachen und zu weinen wenn unser HSV gewinnt oder verlieren sollte. Und ein paar Jahre später kommen dann die ersten Auswärtsfahrten….und die machen dann wirklich Laune. Viel Spass beim Papa werden. Nichts ist schöner als die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen. Familie muss immer 1. Priorität haben….alles andere wird sich neu einfügen.
    LG Tuecky

    1. linushsv

      Hallo Tuecky. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich denke du schreibst aus Erfahrung. Die Familie wird an natürlich an erster Stelle stehen, trotz allem würde ich auch gerne weiterhin noch ein paar Spiele unseres HSV sehen 😉 Ich denke, das wenn man sich mit seiner Freundin abspricht das auch gelingen wird. Die Frage ist. Will ich noch auf Spiele wenn der kleine Zwerg in meinen Armen liegt. Auf die Frage bin ich persönlich sehr gespannt. Es wird eine neue und spannende Zeit. Ich freue mich darauf. Und ich freue mich auf den ersten Stadionbesuch mit meinem Sohn. Vielen lieben Dank für deinen hilfreichen Kommentar.
      LG Christian

  2. Uwe

    Lieber Christian,

    als im Februar 2002 meine Zwillinge Oskar und Felix auf die Welt kamen und im April 2003 der Emil noch dazu, sah ich mich auf Jahre dazu verdammt, keine oder wenige Spiele meines geliebten FSV Mainz 05 live zu erleben. Aber Pustekuchen. Durch geschicktes Argumentieren im Vorfeld eines jeden Spieltages gelang es mir, die meisten Spiele zu sehen. Jeder aufopferungsvoll sorgende Vater braucht Abwechslung und Entspannung vom Kindergroßziehen und wird sich mit doppelter Kraft den Kindern und der Famlie widmen, wenn er, womöglich noch drei Punkte im Gepäck, nach dem Spiel nach Hause kommt. Im Gegenzug gelang es meiner Frau, ihr geliebtes Schwimmen und den Chor nicht zu vernachlässigen. Diese Freiräume gaben wir uns und das war auch wichtig. Jetzt, da die Jungs größer sind, bin ich eher selten bei den 05ern – wir zelten, die Jungs haben Handballspiele am Wochenende, die ich gerne anschaue oder ich mache mit meiner Frau etwas. Es ist nicht mehr soooo wichtig. Aber wenn der HSV Dir so am Herzen liegt, dann ist es gerade wichtig in der schweren Anfangszeit als Eltern, sich Freiräume zu geben. Die braucht manfrau zum Durchatmen. In dem Sinne toitoitoi für Eure baldige kleine Familie und Deine HSV Leidenschaft…..Gruß Uwe

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