Eine irritierte Schaffnerin, ein Wildschwein auf den Gleisen und die Staatsmacht im Rücken

Samstagmorgen – Einstieg und Abfahrt mit der deutschen Eisenbahn. Das Ziel: Leverkusen. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt erahnen können, was mich erwarten wird, ich hätte einen Zug später genommen.

Der Weg zum Bahnhof war schon der erste morgendliche Stimmungsbrecher. Ein Regenguss begleitete mich ungeschützt, dem Regen hilflos ausgeliefert. „Das geht gut los“. Der Zug war pünktlich und ich klatschnass. Platz genommen im Zug und argwöhnischen Blicken der Schaffnerin ausweichend, kam die nette Dame plötzlich direkt auf mich zu.
„Wie, kein Bier oder Dornkaart im Lunchpaket? Ihr Fußballfans trinkt doch sonst immer morgens schon“. Klar, alle sind betrunken morgens um halb neun. Sturzbetrunken. Croissants und Cola, morgens um halb neun kommen nicht gut an. Schockiert aber lächelnd zog sie weiter. „Ein Fußballfan, der sich morgens um halb neun nicht betrinkt, komisch“.

Nachdem man den schönen Rheingau durchfuhr und die Gedanken davon schweiften, dachte ich nach, was mich heute im Stadion erwarten würde. Die Stadtgrenze von Koblenz problemlos genommen, war die erste Etappe überstanden. Aufenthalt: 8 Minuten. Tatort Raucherbereich. Ein Fan der Königsblauen stand ebenfalls im abgesperrten Bereich, leicht betrunken und rauchend, als ich den Atem der Staatsmacht im Rücken spürte. Ein „Guten Morgen oder Hallo“, nichts. Polizei: „Ausweis. Wohin wollen Sie“. Ich: Zum Fußball. Polizei: Ich fragte wohin. Ich: Nach Köln. Polizei: Wer spielt denn in Köln?. Ich: Niemand, ich treffe mich dort mit einem Freund und fahren später zum Fußball nach Leverkusen. Polizei: Warten Sie noch kurz, wir machen eine Personenüberprüfung.

Da stand man nun da und wurden von den Blicken der anderen Fahrgäste strafend beschenkt. Die Blicke eindeutig. „Guck mal der Fußballfan. Was hat der bloß wieder verbrochen.“ Ich stand nur da. Doch zur Enttäuschung der Gaffer trat das ein, was sich viele Täter auf der Flucht wünschen. Polizei: Der Computer streikt. Sie können gehen. Der Schalkefan: Puh, Glück gehabt. Ich: Musste lachen.

Und schon verschwanden der Schalkefan und ich und eilten zu unsern Zügen, mit der bis dahin nicht wissenden Wahrheit, dass wir beide als Verlierer aus diesem Tag hervorgehen sollten.

Der IC: Pickepacke voll. Ich machte es mir im Stehplatzbereich gemütlich, konnte ich ja schon mal üben für später. Das zweite Etappenziel: Köln, war nur noch 50 Minuten entfernt. Doch: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ein Wildschwein durchkreuzte meine und auch die Pläne der weiteren Fahrgäste. Ein Picknick auf den Gleisen sollte an diesem Tag das Leben eines einzelnen Wildschweines das Leben kosten. Mir raubte es so langsam meine Nerven. Die Verabredung für 11 Uhr in Köln mit Frederik geriet ins Wanken.

Nach 30 Minuten Standzeit und trockener Kehle suchte ich das Bordbistro auf, um den sich langsam ansetzenden Frust des bisherigen Tagesverlaufs ein klein wenig schön zu trinken. „Ein Bier bitte“. Es kam und es war warm. Prost.
Der Lokführer konnte die Weiterfahrt mit einer Verzögerung von 60 Minuten endlich fortsetzen. Die Durchsage der Zugbegleiterin berichtete dann das: „Der Zug kann die Reise trotz kleinerer Schäden fortsetzen, doch leider nur mit einen Höchstgeschwindigkeit von 80 Km/h. In einem IC. So rasten wir im Eiltempo Richtung Köln. Geschafft.

Endlich in Köln

Frederik war vom Bahnhof schon verschwunden. So suchte ich nun alleine in der großen Stadt mein nächstes Ziel auf. Das Boogaloo, eine sympatische kleine Kneipe mit lustigen Menschen und viel Liebe zum HSV. Endlich kehrte die Heiterkeit zurück und es gab kaltes Bier. Es war Kölsch, aber es war kalt. Und bei den Kölschgläsern verstehe ich, warum Köln die Stadt der Männerherzen ist. Biergläser sind was anderes. Die Fröhlichkeit kehrte heim und die Stimme war geölt konnte es gut gelaunt weitergehen. Leverkusen zum Greifen nah.

Ich war endlich im Stadion

Nachdem alle weiteren Freunde eingetroffen waren, sammelte man sich in gewohnter Stärke im Block und blickte  optimistisch dem bevorstehenden Spiel entgegen. Die Laune war prächtig.  Zu Beginn durfte erst mal geschwiegen werden. 12:12 Minuten. Spruchbänder wurden auf beiden Seiten hochgehalten und das GANZE Stadion beteiligte sich dann an dem Stimmungsboykott. Der Support wurde nach 12:12 lautstark aufgenommen, Spruchbänder hochgehalten, kürzere Schmähgesänge angestimmt und den Kameras entgegen gewunken

Zum Spiel vonseiten der Gäste aus Hamburg. Die Abwehr hatte schon bessere Tage und Leverkusen wurde eingeladen. Die Offensive noch verträumt mit den Gedanken unter der Sonne Brasiliens. Das war echt schlecht gestern.

Nach einem Hinweis erspähte ich den leblos hängenden Vogel unterhalb des Stadiondaches. Ein Vogel, gefangen in der Matrix. Regungslos. Das Bier entfaltete seine Wirkung. Die Blicke schweiften nach rechts und links und es wurde mir bewusst, dass hier niemandem aufgrund der Sicherheitsüberwachung etwas verborgen bleiben würde. Kameras so weit das Auge reichte. Stopft ihr jetzt schon Vögel aus in eurem Sicherheitswahn?

Doch, es gibt immer wieder intelligente Menschen, die einen überraschen. Frei für alle Kameras und Anwesenden im Stadion, was eine Einblendung auf die Stadionleinwand noch abgerundet hätte, hielt ein wagemutiger eine Art Seenotfackel in die Höhe. Ohne die sonst übliche Vermummung stand er nun da. Auf den Kameras schon hochauflösend empfangen, machte sich Unruhe bei den Sicherheitskräften breit und man konnte sehen wie alle Augen suchend nach dem Übeltäter Ausschau hielten. Man konnte spüren, als ihm klar wurde, was hier gerade passiert, dass er am liebsten die Zeit zurückgedreht hätte. Da stand er nun ohne Maske, alle Blicke auf ihn, mit einer Seenotfackel bewaffnet in der Hand. Das Beruhigende – eine Anzeige gegen das Vermummungsverbot bleibt ihm wohl erspart. Der Vogel vom Dach war schon am Twittern und die Ordner positionierten sich, zum Zugriff bereit am Rand des Blockes.
Medien schreiben, sie hätten dich gefasst. Ich kann es nicht sagen. Irgendwann warst du weg. Bis in 3 Jahren dann, oder?

Doof gelaufen. In der zweiten Halbzeit gab es dann keine großen Aufreger mehr. Weder auf dem Platz noch  auf den Rängen. Der Support war weiterhin gut und laut und als ein blauer Rauchtopf die Ränge in ein leichtes Blau verzauberte, kam endlich etwas Farbe in den anstrengenden Tag.

IMG-20121215-00278

„Auf dem Platz liegt die Wahrheit“. Nächster Halt: Nürnberg.

Kämpfen und siegen, Jungs. Einen schönen dritten Advent.

Christian E.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Eine irritierte Schaffnerin, ein Wildschwein auf den Gleisen und die Staatsmacht im Rücken

  1. Pingback: Blog- & Presseschau für Montag, den 17.12.2012 | Fokus Fussball

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s